Leitsystem …

Am Sonntag radelte ich mit dem Fahrrad durch die Stadt. Der Nachmittag war bleigrau und es nieselte kalt, das störte mich nicht. Ich brauchte frische Luft und wollte mich bewegen. Einfach so, ohne Uhr und ohne Ziel. Als es dämmerte, inzwischen war ich ziemlich durchgefroren, machte ich mich wieder auf den Weg Nachhause. Aber kaum war ich in die blattlosen Grünanlagen abgebogen, hatte ich plötzlich riesige Lust, ins Kino zu gehen. Ich drehte um. Schließlich war ich seit bald zwei Jahren in keiner Kinovorstellung mehr gewesen. Aufgeregt trat ich in die Pedale. Kettete mein Fahrrad am Geländer des gegenüber des Kinos liegenden U-Bahnaufgangs an, wandte mich um, ging zielstrebig, als hätte es niemals einen Filmriss von mehreren Monaten gegeben, zum gläsernen Eingangsbereich des Lichtspielhauses. Und stand vor verschlossener Tür. Ein Schild zeigte mir: Hier nicht. Hier ist der Ausgang. Der Eingang, Pfeil nach links, ist weiter links. Das war neu. Ich ging also nach links, dahin, wo bisher der Eingang zu der über den Kinosälen liegenden Tanzschule gewesen war, drückte die Tür auf und trat ein. Eine Dunstschwade frischen Popcorns schlug mir entgegen. Augenblicklich berührten mich all die glücklichen Stunden, in denen ich, dichtgedrängt, im Dunkeln und auf Ellbogenfühlung mit fremden Menschen, genüßlich in einem durchgesessenen Kinosessel hing und mich, weit weg von dieser Welt, in andere Dimensionen entführen ließ. Gierig saugte ich die Popcornluft ein. Augenblicklich fühlte ich mich zufrieden und geborgen und folgte beflügelt den akkurat auf die Treppenstufen geklebten roten Pfeilen auf dem Weg nach oben, ins weitläufige Foyer. Auf halber Treppe musste ich stehenbleiben. Eine Menschenschlange wartete artig aufgereiht, um oben am Treppenabsatz kontrolliert zu werden. Die Schlange rückte nur schleppend voran, ich hatte also genügend Zeit, die für einen Kinobesuch erforderlichen Nachweise rauszukramen. Hielt alles parat, wartete. Versuchte schon mal, einen neugierigen Blick auf die Filmankündigungen zu werfen. Da aber nur zwei Schalter geöffnet waren, und vor die nicht besetzten Schalter ein schwerer Vorhang gezogen worden war, konnte ich so gut wie nichts sehen. Meine Ungeduld stieg. Endlich war ich an der Reihe. Ich zeigte sämtliche Nachweise samt Ausweis vor, wurde eingescannt, und schritt erwartungsvoll über den weichen Teppich Richtung Kasse. Stellte mich erneut an. Seltsamerweise hatte ich den Eindruck, nicht in der Warteschlange eines Kinos zu stehen, sondern im Check- In -Bereich einer Billig Airline. Das musste an den schwarzen Absperrbändern liegen, diesem sogenannte Personenleitsystem. Wir hielten diszipliniert Abstand, einen Koffer hatte niemand. Kühle gesäuberte Luft zog durch die Abstandslücken. Vom Popocorndunst gab es nur noch eine Ahnung, und es war so still, als wäre der Ferienflieger eben gerade abgestürzt. Ich dachte an die Zeit, in der ich mit der Nase an einen vor mir wartenden Teddymantel oder eine bauschig gepolsterte Jacke gepresst wurde, dass es mir den Atem nahm, schweissnaß unter meinem dicken Wintermantel und klebende Fussel eines fremden Schals auf den Lippen, während von hinten erbarmungslos nachgeschoben wurde. Ein schwitziges, pulsierendes Gedränge, das sich lautstark unterhaltend Richtung Kasse schob. Nichts mehr davon. Schweigende Vögel, schwarz und weiß. Ordner bewachten unser Warten. Wir rückten lautlos vor. Jetzt konnte ich endlich die Ankündigungen auf den hängenden Screens lesen. Horror, Thriller, Fantasy. Und um acht: Ein Prinzessinnendrama. Die Uhr im Foyer zeigte Viertel vor sechs, also noch gut zwei Stunden bis es losging. Trotzdem wollte ich den Prinzessinnenfilm sehen, ich holte schon mal mein Portemonnaie raus. Die Schlange bewegte sich stumm, ich rückte weiter. Entwickelte Szenarien, wägte ab: Draußen ist es nass und stockdunkel. In den umliegenden Cafés und Restaurants regiert kühle Distanz. In der Abfertigungshalle will ich nicht sitzen. Also doch zwei Stunden draußen im Nieselregen rumlaufen? Oder Nachhause radeln und kurz vor Beginn des Films zurückkommen? Ratlos scherte ich aus der Schlange aus, stellte mich unter den wachsamen Blicken der Ordner an den Rand des Absperrbandes. Früher hätte ich mich sorglos ins überfüllte Café gegenüber gesetzt, irgendwo an einen Tisch mit drangesetzt, ein Glas Wein bestellt und mir mit Zeitungslesen oder Gesprächen die Zeit vertrieben. Jetzt nicht. Schon die Vorstellung, isoliert in einem kühl gelüfteten Café zu sitzen, der Gedanke an weitere und wiederholte Einlasskontrollen, erzeugte Widerwillen in mir. Die Kinolust war verflogen. Enttäuscht duckte ich mich unter das Absperrband hindurch, ich wollte zurück zur Treppe, zum Ausgang. Doch das Leitsystem trennte den Zuschauerstrom, es war unmöglich, denselben Weg zu nehmen, den man gekommen war. Absperrbänder und auf dem Boden aufgeklebte Pfeile organisierten den Weg, das System war ausgeklügelt und funktionierte ausgezeichnet. Kommende und Gehende hatten keine Chance sich zu vermischen. Obwohl ich bloß den Markierungen folgen brauchte, und klar war, dass der Weg jetzt nicht über die Treppe, sondern über die Rolltreppe zurück nach unten führte, hatte ich die Orientierung verloren. Ich fühlte mich gefangen wie in einem Labyrinth. Kurz überlegte ich, doch noch schnell ein Ticket zu kaufen und die zwei Stunden Wartezeit hier im Kino totzuschlagen. Aber ich hatte ja meinen Platz in der Schlange aufgegeben. Und einfach unter das Absperrband zu tauchen und mich neu einzureihen, war schwierig, ich hätte gegen die Pfeilrichtung gehen müssen, und die Ordner sahen mich bereits alarmiert an. Also blökte ich määäh! bäääh! und nochmal määäh! und trottete durch die Eingrenzung der Absperrbänder Richtung Rolltreppe.
Zuhause kochte ich einen Kaffee, zog die gemütliche Jogginghose an und setzte mich an meinen Platz am Fenster. Auf dem Tisch lag ein Zettel: Bin bei Xenia. Hab dich lieb. Lou.
Ich nippte am Kaffee. Unten liefen ein paar versprengte Vögel durch die Dunkelheit. Plötzlich kam mir alles so sinnlos vor.
Gegen halb acht zog ich einen Rock und meine hohen Stiefel an und radelte zurück zum Kino.

Foggy brain …

Dieses Jahr habe ich ungewöhnlich viele Neujahrsgrüße verschickt. Ich fand, die düstere Lage der Welt erfordere es, so vielen Freunden und Bekannten wie nur möglich Glück und Zuversicht für das neue Jahr zu wünschen. Ich bekam ungewöhnlich wenige Antworten. Kein: Danke, das wünsche ich dir auch! Oder: Herzlichen Dank für Ihre Wünsche! und so weiter und so fort. Ausgenommen natürlich die engsten Freunde. Um genauer zu sein: Die allerallerengsten Freunde. Eine Handvoll Menschen also. Selbst die WhatsApp Gruppen meiner Sprachkurse, die normalerweise unter einer Fülle von Emojis, Gifs, guten Wünschen, Photos und Videosequenzen heißlaufen, selbst da: Schweigen. Ich habe beschlossen, die Angelegenheit nicht persönlich zu nehmen, und frage mich stattdessen: Was ist los? Kein Lust zu nix mehr? Schnauze voll? Pudding im Kopf? Lähmung? Überdruss? Rückzug unter die Bettdecke? Auch ich hatte mich darauf gefreut, endlich die Sprachbücher in meine neue Tasche, also diese safranfarbene Tasche, die ich vor zwei Jahren in Paris gekauft habe und seither nicht benutzen konnte, meine Sprachbücher in eben diese Tasche zu packen, einen Rock (!) und Stiefel (!) anzuziehen und zur Arbeit zu gehen. Stattdessen sitze ich wieder in Jogginghose und Wollsocken an meinem Platz am Fenster. Die neue Tasche steht in der Ecke. Das Murmeltier grüßt. Außerdem hatten Lou und ich über Neujahr eigentlich meine Schwester in Paris besuchen wollen. Aber bevor wir überhaupt in die Gelegenheit kommen konnten, uns in einem der krachvollen Züge der Gefahr auszusetzen, uns möglicherweise bei einer nachlässig getragenen Maske anzustecken, lag ich schon mit irgendeiner Halsschmerzvariante im Bett. Dabei hatte ich mich dagegen immun gewähnt. Schließlich habe ich das schwarz auf gelb. Das war gemein. Obwohl ich Lou sagte, sie könne sich jetzt nicht anstecken, da sie doch grade krank gewesen sei, türmte sie panisch zu ihrer Freundin Xenia. Und ich googelte die Symptome. Ich stieß auf den Begriff Brain Fog. Ein tolles Wort. Es beschrieb nicht nur meine elende Verfassung, diesen Pudding im Kopf. Sondern den Zustand der Welt. Heute morgen fiel es mir wieder ein. Es war fünf vor zehn und ich hatte mich gerade mit einer Kanne Tee an meinem Platz am Fenster eingerichtet, um das ZOOM Meeting für den A2 Kurs zu eröffnen, überflog noch schnell meine e-mails. Eine Antwort von Tante Eugenia aus Amerika auf meine Neujahrswünsche, ich hatte ihr ein paar Photos von Lou und mir geschickt. Wo sind all die Jahre geblieben, schrieb sie zu Tränen gerührt. Und: Ach, wann werden wir uns wiederzusehen? Wann können wir endlich wieder ohne Angst leben? Das war der Moment von brain fog, foggy brain, dem nebligen Kopf. Die Angst macht alle kirre. Die Unsicherheit. Wir denken nicht mehr klar. Es ist, als würden wir in einem riesigen leeren Raum treiben. Ohne Kopf. Ohne Gestern. Ohne Morgen. 

Nach dem Unterricht musste ich zur Post, auf dem Rückweg trank ich einen schnellen Kaffee. Draußen und im Stehen. Hinter mir nieste ein Mann. Augenblicklich zuckten alle an den Tischen stehenden Kaffeegenießenden zusammen, warfen dem Mann scharfe Blicke zu.„Wir sind alle verrückt geworden“, kommentierte das die Frau, die mir gegenüber am Tisch stand. „Angst vor Krankheit habe ich keine, aber die Leute machen mir Angst. Ihre zunehmende Aggressivität ist kaum noch auszuhalten. Die Menschen gucken sich nicht mehr an, lächeln nicht mehr. Sie sind brutal und boshaft geworden. Eben komme ich vom Friedhof. Da wurde ein 39 jähriger Mann beerdigt. Wieso nutzen wir unsere Zeit nicht? Sind freundlich zueinander, lachen. Essen gut. Und teilen das Essen miteinander.“ Verzagt sah sie mich an, lächelte verzweifelt. Wischte sich mit dem Handrücken einen Kekskrümel von den hellrot bemalten Lippen. Eine seltsame Geste, als würde sie weinen. Dann nahm sie ihr Handtaschenetui vom Tisch, sagte, “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“, und ging. Ich nippte an meinem inzwischen kalten Kaffee, blickte auf die nebelgraue Straße. Foggy brain.