Hamster …

„Eigentlich möchte ich nicht mehr leben. Ich möchte nicht alt werden. Das Leben ist nicht schön. Nichts als Kampf. Immer kämpfen, jeden Tag. Das ist nicht schön. Guck sie dir an, die Welt da draußen. Kaputt und krank. Ich sehe schon längst keine Nachrichten mehr. Nach allen Abzügen habe ich kaum noch was in der Hand. Und all die Monate Kurzarbeit. Wie soll ich mir da eine eigene Wohnung suchen? Ich werde mit meiner Mutter leben bis sie stirbt. Die Abende mit ihr verbringen, sie bemitleiden, mit ihr fernsehen, über ihre Krankheiten sprechen.“
Das alles hatte Pamela hinter ihrer Maske ausgestoßen. Wütend und übermüdet, war sich ständig mit ihren langen, silberblau glitzernden Fingernägeln durchs Haar gefahren. Vielleicht hatte ihre Wut auch was mit den Wanzen zu tun gehabt.
Das war im Frühling gewesen
Pamela ist meine Friseurin. Heute Mittag hatte ich einen Termin bei ihr. Ich hatte sie ein paar Monate nicht gesehen, weil ich nicht so häufig zum Haareschneiden gehe, und als ich mich nach ihrer Mutter erkundigte, drehte sie sich weg.
Draußen war es trübselig grau. Im Fenster zuckte die Lichterkette, die Pamelas Chefin immer genau eine Woche vor dem ersten Advent dort anbringt. Pamela setzte die Schere an.
„Auf einmal ging es ihr schlecht, mitten beim Fernsehen. Dabei hatte sie sich so gut von dem Wanzenbefall erholt. Es ging ihr plötzlich aus heiterem Himmel schlecht“, berichtete Pamela.
An die Geschichte mit den Bettwanzen kann ich mich gut erinnern. Kein Mensch wußte, wo die herkamen. Mindestens dreimal pro Nacht hatte Pamela den wund zerbissenen Körper ihrer Mutter mit Puder bestäuben müssen, gegen das quälende Jucken.
„Sie wollte vom Sofa aufstehen, um auf Toilette zu gehen, ganz normal, aber auf einmal hatte sie irgendwas mit den Beinen, konnte kaum laufen. Richtig aufgedunsen waren die plötzlich“, sagte Pamela während sie meine Haare prüfend zwischen ihre weihnachtsgold lackierten Finger nahm,„quaddelig, als wäre heißes Wasser drin. Und ein dickes krebsrotes Gesicht.“
Das war ihr komisch vorgekommen. Deshalb hatte sie ihre Mutter ins Auto gepackt und war mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Das heißt, sie musste ihre Mutter unten abgeben und draußen vor der Glastür bleiben. Als sie am nächsten Morgen im Krankenhaus anrief und erfuhr, dass es ihrer Mutter schlechter ging, wollte sie im Schutzanzug zu ihrer Mutter rein. Natürlich wurde sie schon vor der Glastür abgewiesen. Die Mutter lag jetzt auf der Intensivstation. Wir halten Sie auf dem Laufenden. Am nächsten Abend war die Mutter tot.
„Ich durfte sie nicht sehen. Nichtmal dann hat man mich zu ihr gelassen.“
Pamela schnippte stumm. Ich betrachtete die zuckende Lichterkette. Am Fenster lief ein Junge mit roter Weihnachtsmütze vorbei. Ich dachte an meine alte Tante. Ich hatte nicht mehr mit ihr sprechen können, weil niemand auf der Station Zeit gehabt hatte, das Telefon an ihr Bett zu bringen, ihr den Hörer ans Ohr zu halten. Als es noch ging. All diese Abschiede, die keine gewesen sind. Was tut das mit uns?
„Letzte Woche wollte ich einen Hamster kaufen“, riss Pamela mich aus meinen Gedanken, „dass ich was im Arm habe. Ich würde ihn nachts in mein Zimmer stellen, damit ich mit ihm sprechen kann. Ich hatte abends bei DISCOUNT eingekauft, da gibt es hinten am Parkplatz eine Zoohandlung. Plötzlich kam mir der Gedanke mit dem Hamster. Komischerweise waren die aus. Das passiert jetzt häufiger, kommen Sie die Woche drauf wieder, hat die Verkäuferin gesagt. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es richtig ist. Ob ein Hamster das richtige Tier ist. Ich weiß das alles nicht. Eine Schildkröte würde mir auch gefallen. Das sind schöne Tiere. Manchmal ziehen sie den Kopf ein, aber ich finde das nicht schlimm. Man kann sie hochheben. Trotzdem ist ein Hamster besser. Es würde mich auch nicht stören, wenn er die ganze Nacht im Rad läuft. Ich habe dann Gesellschaft. Da ist dann jemand, neben mir. Jemand Lebendiges. “
Sie ließ die Schere sinken.
Im Spiegel sah ich die Lichterkette, sie schimmerte wie Pamelas Fingernägel. Vielleicht war das extra so abgestimmt.
Verstört stand Pamela da und sah mich an. Ein verwundeter Vogel mit einem weißen Riesenschnabel und goldenen Krallen.
Obwohl der knistrige Plastikumhang an mir klebte und meine Haare längst nicht trocken waren, sprang ich vom Frisierstuhl und nahm Pamela in den Arm. Es ging nicht anders.

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