Ich wollte sofort loslegen.
Und dann schmeckte Lou auf einmal nichts mehr. Lag mit steingrau verschatteten Augen im Bett und hustete. Fahl wie eine Wachspuppe. Hatte bleierne Kopfschmerzen, Blasen auf dem Rücken. Ihr Gesicht erinnerte zunehmend an die Farbe des abblätternden Putzes, unten an der Hauswand. Panik erfasste mich.
Ich rief die Ärztin an.
Die – Frau- Doktor – meldet – sich- nach Ende – der – Sprechstunde – bei – Ihnen – jetzt – geht – es – nicht.
Ich versuchte es mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst.
Warteschleife.
Mein Herz pochte.
Ich stand am Fenster und sah runter auf den nicht mehr grünen Grünstreifen, Ihre verbleibende Wartezeit beträgt voraussichtlich noch 17 Minuten.
Im Rhythmus der Schleifenmusik schwappten sanfte Meereswellen über den braungetrampelten Rasenstreifen. Die Autos verwandelten sich in tanzende Fischerboote.
Ich wurde schlagartig zurückgeholt.
„Wir können niemanden schicken. Wieso gehen Sie nicht zum Arzt?“
„Meine Tochter hat hohes Fieber und kann nicht aufstehen.“
„Dann packen Sie sie ins Auto und kommen zu uns ins Testcenter.“
„Wir haben kein Auto.“
„Ach so.“
Nach einigem hin und her, und wieso es nicht angebracht ist, mit dem Taxi oder öffentlich unterwegs zu sein, hieß es:
„Aber ich kann veranlassen, dass jemand nach Ihrer Tochter sieht.“
Daten wurden aufgenommen. Freundliche Worte getauscht. Aufgelegt.
Dann passierte erstmal nichts.
Lou schlief inzwischen. Schlafen ist gesund.
Ich war beruhigt und musste arbeiten. Schickte meinen A2 Kurs in 2er Gruppen in Breakout-Rooms und ließ sie einen Restaurantbesuch durchspielen. Kochte währenddessen Hühnersuppe, goß Salbeitee auf. Zahlen Sie zusammen oder getrennt? Legte kühlende Waschlappen auf Lous Stirn, befüllte die Wärmflasche. Danke, stimmt so.
Im B2 Kurs erzählte D., dass er jetzt nachts raus aus der Stadt fährt, in den Wald. Um niemandem zu begegnen. Und um Sport zu treiben.
Am frühen Abend rief die Ärztin an.
„Wieso sind Sie nicht in die Praxis gekommen? Sie wohnen doch gleich um die Ecke.“
„Meine Tochter konnte nicht aufstehen.“
„Dann packen Sie sie gleich morgen früh ins Auto und kommen her.“„Wir haben kein Auto.“
„Ach so.“Pause.
„Kommen Sie zu Fuß, sobald das Fieber es zuläßt. Dann können wir den Test machen.“
Kurz darauf meldete sich jemand vom ärztlichen Bereitschaftsdienst, erschöpfte Stimme. In der Ferne jaulte ein Martinshorn durch die Dunkelheit.
„Meiner Tochter geht es besser, Sie brauchen nicht zu kommen“, sagte ich ermunternd. „Die Ärztin hat eben angerufen.“
Erleichterung am anderen Ende der Leitung, eine Zigarette wurde angezündet. Der ausgestoßene Rauch vermischte sich befreit mit dem Straßenlärm.
Am nächsten Morgen reihten wir uns in die Praxisschlange. Es regnete in feinen Strichen und Lou fror, weil sie unter ihrer Jacke nur den petrolfarbenen Pyjama trug.
Ich machte den Test gleich mit.
Nach sechs Tagen kam das erwartete Ergebnis.
Weiterhin Isolation für Lou. Maske und Desinfektionsmittel für mich.
Wir lebten auf einer Peststation.
Ich durfte mein eigenes Kind nicht berühren.
Ich durfte mein Kind nicht in den Arm nehmen. Stellte nur Wasser und Essen ins Zimmer. Wie einer Katze.
Der Wahnsinn des neuen Zeitalters ist leise.